Kunstaustellung ATELIER HAUS LÜNEN
JEtzt
Im JEtzt, den Schritt gewagt, der Mensch zieht fort,
Vergangnes hinter sich wie Schatten zieht,
In blauen Wellen, fern und doch kein Ort,
Wo ihre Formen fließen, unbesiegt.
Auf hellem Sand führt ihn sein fester Gang,
Zu neuen Gründen, grün und hoffnungsfroh,
Ein jeder Schritt, ein Takt, ein Lebensklang,
Im JEtzt gefestigt, eins mit seinem Wo.
Die Zukunft schwebt, wie Götterhand so leicht,
Formt sich im Licht, das jeden Pfad erhellt,
Ein Hauch des Göttlichen, das Ziel erreicht,
Im JEtzt vereint, wo wahres Leben fällt.
Vergangenes, verblasst, doch stets im Herzen,
Die Zukunft leuchtet hell, ein klares Ziel,
Im JEtzt, da schmelzen Zeit und Daseinsschmerzen,
Zwischen den Welten lebt der Mensch, erfüllt und still.
MaNilius 2024 08 03
JEtzt
Polychromat-Stift / Acryl-Impasto auf MDF, Außenmaß 65 × 65 cm, Ahornrahmen mit Schattenfuge
Der Titel JEtzt ist ein Neologismus. Er verbindet das französische je – das „Ich“ – mit dem Begriff Jetzt. Das Ich ist hier nicht vom Moment getrennt, sondern in ihn eingeschrieben. Gegenwart wird nicht erlebt, sondern verkörpert: Das Jetzt liegt im Ich, und das Ich existiert nur im Jetzt.
Im Zentrum des Werkes schreitet eine menschliche Figur voran. Ihr Gang ist ruhig, entschlossen, frei von Hast. Sie bewegt sich nicht aus einem Ort heraus, sondern durch einen Zustand. Hinter ihr lösen sich weitere menschliche Formen auf – körperhaft und doch instabil, wie frühere Versionen des Selbst. Sie sind nicht Vergangenheit im narrativen Sinn, sondern Zustände, die ihre Gegenwärtigkeit verloren haben.
Der Raum ist fließend angelegt. Wellenartige Strukturen in Blau, Ocker und Grün verbinden Landschaft und inneren Zustand. Erinnerung, Erfahrung und Wahrnehmung bilden keine lineare Abfolge, sondern einen Bewegungsraum, in dem das Ich verortet ist. Der feste Schritt der zentralen Figur setzt darin einen bewussten Moment der Selbstvergewisserung.
Vor dem Ich schwebt eine lichtdurchzogene Gestalt. Sie ist weniger Zukunft als Möglichkeit – ein offener Entwurf, nicht fixiert, nicht greifbar. Ihre Leichtigkeit steht im Kontrast zur Erdung des Schreitenden. Das Ich richtet sich auf sie aus, ohne sie festzulegen.
Die Verbindung aus zeichnerischer Präzision und pastosem Farbauftrag unterstreicht diesen Zustand des Dazwischen. JEtzt zeigt Identität nicht als abgeschlossenes Bild, sondern als Präsenz im Moment – als Schnittpunkt von Erinnerung, Wahrnehmung und Imagination.
Im Kontext der Ausstellung „Von der Realität zur Fantasie“ markiert JEtzt den Augenblick radikaler Gegenwärtigkeit: Dort, wo Realität nicht verlassen wird, sondern sich im Ich neu formt.
Anatomie der Identität
Anatomie der Identität - Metamorphosen des Ich
Polychromat-Stift / Acryl-Impasto auf MDF, Ahornrahmen mit Schattenfuge; Aussenmaße: 65x65 cm
Anatomie der Identität zeigt kein einzelnes Gesicht, sondern eine Zerlegung des Selbst. Mehrere Antlitze, fragmentiert und gestaffelt, scheinen sich aus einer gemeinsamen Form herauszulösen. Sie sind weder vollständig getrennt noch eindeutig vereint – vielmehr wirken sie wie unterschiedliche Zustände derselben Identität, gleichzeitig sichtbar und doch nicht deckungsgleich.
Die Gesichter sind in Schichten organisiert, durchzogen von Schubladen, Einschnitten und konstruierten Elementen. Diese erinnern an anatomische Modelle ebenso wie an mentale Ablagesysteme: Orte des Bewahrens, Verdrängens und Ordnens. Identität erscheint hier nicht als etwas Einheitliches, sondern als ein komplexes Gefüge aus Erinnerungen, Rollen und inneren Stimmen. Was sichtbar wird, ist nur ein Ausschnitt – anderes bleibt verschlossen.
Die polychrome Zeichnung verleiht den Gesichtspartien eine hohe Präzision und Intimität, während das Acryl-Impasto Volumen, Brüche und Widerstände betont. Zwischen Zeichnung und Malerei entsteht ein Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Emotion, Analyse und Empfindung. Die Materialität unterstützt das Thema: Identität ist nicht glatt, sondern geschichtet, tastbar und widersprüchlich.
Floral-organische Elemente und Schmetterlinge durchbrechen die strenge Struktur. Sie stehen für Transformation, Fragilität und das Moment des Werdens. Inmitten der fragmentierten Ordnung verweisen sie auf die Möglichkeit von Veränderung – auf Bewegung innerhalb eines scheinbar festgelegten Systems.
Im Kontext der Ausstellung „Von der Realität zur Fantasie“ markiert Anatomie der Identität den Übergang von der äußeren Erscheinung zur inneren Konstruktion des Selbst. Realität zeigt sich hier als fragmentarische Oberfläche, Fantasie als jener Raum, in dem Identität immer wieder neu zusammengesetzt wird.
MaNilius 2025 11 10